Die deutsche Northern Soul Szene - von Sunny the Dancer & Champ

Die deutsche Northern Soul Szene ist nicht mit der englischen Szene zu vergleichen, auch wenn sie sich sehr stark an dieser orientiert. Im Gegensatz zur englischen Northern Soul Szene hat die deutsche Szene sich nicht in den sechziger Jahren etabliert und bis heute aufrechterhalten. Die Ursprünge der heutigen Northern Szene reichen lediglich bis in die Mitte der Achtziger Jahre zurück.

Mit der Welle des Mod-Revivals schwappte das Sixties-Feeling auch nach Deutschland über. Der klassische Motorroller feierte ebenso sein Comeback wie Modeaccessoires vom Bowlingschuh bis zum Cavern-Anzug. Natürlich durfte auch die passende Musik nicht fehlen. Selbst in den Plattenabteilungen der Warenhäuser bekam man Kent-LPs und Soul-Supply Doppelalben. So wurde auf entsprechenden Parties neben Sixties und Ska auch Soul gespielt. Zu dieser Zeit konnte man bereits Stücke wie "Be Young, be foolish, be happy", "Right back where we started from", "City Lights" oder "The snake" hören, die sich in den darauffolgenden Jahren zu Klassikern entwickelten.

So schnell wie es gekommen war, verschwand das Massenphänomen auch wieder. Übrig blieben verschiedene Gruppierungen, die das Abflauten der Modewelle überdauerten. Zunächst einmal die Mods, die ihrer Lebensphilosophie (teilweise bis heute) treu blieben. Einigen war der Roller wichtiger als das gestylte Outfit. Der Anzug wurde gegen robustere Bekleidung getauscht, die auch lange Touren und Zeltwochenenden überstanden. Entstanden war der "Scooterboy". Bei beiden spielte Soul jedoch weiterhin eine große Rolle.

Darüber hinaus gab es vereinzelte Leute, die die Musik als solche in den Mittelpunkt stellten und die ersten reinen Soul-Allnighter veranstalteten, in erster Linie in großen Städten wie Berlin, München oder Hamburg. In diesem Zusammenhang erschien auch das erste deutschprachige Northern Soul Fanzine ("Heart and Soul"). Jedoch konnte sich hieraus noch keine konstante Szene entwickeln.

Parallel dazu wuchs die "Scooterboy"-Szene stark und hatte Anfang der neunziger Jahre ihren größten Zulauf. Trotzdem setzten sich auf diesen Veranstaltungen keine kommerziellen Musikrichtungen durch. Im Gegenteil: Man schaute vermehrt nach England und orientierte sich zunächst stark an den Uptempo Klassikern der englischen Northern Soul Szene. Durch die große Mobilität der Scooterboys verbreitete sich dieser Musikstil über ganz Deutschland. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch Edwin Starr, der als einziger Künstler aus dem Northern Soul Bereich regelmäßig durch Deutschland tourte, und sogar auf einem Scooterrun auftrat. Für viele Besucher erhielt die Musik einen immer größeren Stellenwert.

Daraus resultierte vermehrt das Bestreben Veranstaltungen zu etablieren, bei denen die Musik im Mittelpunkt steht. Bei solchen Nightern fanden sich Leute zusammen für die die Musik der gemeinsame Nenner war. Die Herkunft (ob Scooterboy, Mod oder sonstiger Ursprung) trat, und tritt mehr mehr in den Hintergrund.

Über ganz Deutschland verteilt gibt es mittlerweile Soul-Fans, die Platten sammeln, bereit sind auch weite Wege zu Nightern auf sich zu nehmen und sich über die verschiedensten Medien untereinander austauschen. Verschiedene Fanzines informieren über Raritäten, die Northern Soul Szene in England, Künstler, neuaufgelegte Tonträger und Veranstaltungstermine. Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, daß eine der ersten Internetseiten über Northern Soul aus Deutschland kommt.

Nachdem anfangs die DJs und Plattensammler ihre Platten komplett aus England bezogen, findet mittlerweile auch unternander ein reger Austausch an Singles und LPs statt. Wurden anfangs in erster Linie Kent-LPs oder Soul-Supply-Sampler verlangt, sucht man inzwischen auch immer mehr rare und entsprechend teure Singles. Auch gibt es bereits Händler, die Neuerscheinungen wie zum Beispiel von Goldmine nach Deutschland importieren und so einem breiten Publikum die Möglichkeit bieten sich relativ preisgünstig mit Musik für zu Hause einzudecken. Für DJs ist es jedoch obligatorisch von Singles aufzulegen, CDs sind auf All-Nightern völlig verpönt.

Eine ansehnliche Zahl von DJs legen auf verschiedenen Nightern, überwiegend in größeren Städten, auf, die in der Regel zwischen neun und zehn Uhr abends beginnen und bis in die frühen Morgenstunden andauern. Dabei werden über die komplette Dauer alkoholische Getränke ausgeschenkt. Nach einer anfänglichen Aufwärmphase ist die Tanzfläche zu späterer Stunde meist durchgehend gefüllt. Besonders gut kommen im Moment folgende Stücke an (die Reihenfolge stellt keine Hitliste dar):

Laura Greene Moonlight, Music and You

Norlan Porter If I could only be sure

Doug Banks I just kept on Dancing

Bobby Hebb Sunny

Roy Hamilton Crackin Up

Rosco Robinson That`s enough

Herbert Hunter I was born to Love You

Etta James 7 Day Fool

Auch wurden bereits verschiedene englische DJs für Nighter bzw. Weekender nach Deutschland geholt. Ebenso fahren immer mehr deutsche Soulfans auf englische Soulveranstaltungen, wie beispielsweise den Weekender in Cleethorpes. Dadurch werden auch immer wieder neue Impulse gegeben, das gespielte Repertoire wird immer größer und anspruchsvoller. Daher kann man mittlerweile durchaus von einer (wenn auch noch stark entwicklungsfähigen) Northern Soul Szene in Deutschland sprechen.